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Andacht (März 2020)

Andacht für die Vorstandssitzung der DSM Hannover e.V. am 5.3.2020 aus Anlass des Gedenkens der Opfer vom Attentat in Hanau

Steh auf und geh!

Morgen, wie immer am 1. Freitag im März, ist Weltgebetstag. Dieses Jahr laden die Frauen aus Simbabwe zum Motto „Steh auf und geh!“ nach Johannes 5 ein. Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin. In Zeiten von Hanau, gestern Abend in einer eindrücklichen, nachgehenden, einfühlsamen Gedenkfeier der 10 Ermordeten gedacht, ist mir noch einmal neu das Kreuz des Weltgebetstages in die Hände gekommen mit der Aufschrift: Respekt, Mut, Solidarität, Offenheit, Kreativität.

Irische Frauen haben 1982 das Zeichen entworfen, das inzwischen zum Symbol für die Internationale Weltgebetstagsbewegung geworden ist und zum Logo vieler Weltgebetstagskomitees. Sie nannten es „Die Welt im Gebet“.

Das Symbol ist in Grüntonen gehalten, Grün als Farbe des Göttlichen, v.a. des Heiligen Geistes, und es ist die Farbe Irlands. Die vier Ecken, die wie Pfeile auf den Mittelpunkt zustreben, symbolisieren, dass wir aus allen Richtungen zum Gebet zusammenkommen, aufeinander und auf unsere gemeinsame Mitte zu. Jedes Viertel stellt die stilisierte Figur eines knienden, betenden Menschen dar. Der Kreis, der uns alle verbindet, bedeutet die Welt, auf der wir gemeinsam unterwegs sind. Aus diesen Elementen setzen sich die vielen Irischen Kreuze zusammen, die überall im Land zu finden sind. Das Logo des Weltgebetstags symbolisiert Menschen, die aus allen Himmelsrichtungen zum Beten und Feiern zusammenkommen. Sie bilden eine Gemeinschaft. In dem angedeuteten Kreis erkennt man die Erde. Ein lebendiges Kreuz entsteht. Es zeigt sich so, dass wir unsere Welt im gemeinsamen Beten und durch solidarisches Handeln gestalten.

Viel Gutes war gestern zu hören in den Medien, dass die jüdische, die islamische und die christliche Gemeinde in Hanau seit dem 19. Februar, dem Tag des Attentats, unermüdlich gemeinsam mit ihren Gemeindevorstehern, Imamen, Rabbis, Pastorinnen und Pastoren unterwegs waren, um mit den erschütterten Menschen in Hanau zu sprechen, um Reflexe und Gefühle der Vergeltung gerade der jungen Menschen mit Migrationshintergrund in Hanau durch sensibles Zuhören aufzulösen.

In einem Statement anlässlich des Attentats von Hanau sagt Stadtdekan Markus Engelhardt aus Freiburg:

„Darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts!“ Dieser berühmte Satz stammt vom Zentrumspolitiker Joseph Wirth. Er war Reichskanzler, als er ihn vor fast 100 Jahren, am 24.6.1922 am Ende einer Rede im Reichstag nach dem Mord am jüdischen Außenminister Walter Rathenau durch einen rechten Attentäter aussprach.

Ungeachtet dessen, dass der mutmaßliche Attentäter von Hanau in einem sog. „Manifest“ auch krude Verschwörungstheorien hinterlassen hat und vermutlich ein Einzeltäter war, gilt es festzuhalten, dass er von abgrundtiefem rassistischen Hass gegen Migranten, vor allem aus islamischen Ländern, angetrieben war. Auch dies geht unmissverständlich aus seinem „Manifest“ hervor. Damit verbietet es sich, das furchtbare Verbrechen von Hanau als Tat eines Verwirrten abzutun, die keinerlei politischen Zusammenhang habe.

Das Gegenteil ist der Fall. Das Klima in unserem Land hat sich in den letzten Jahren mit Hilfe der sozialen Netzwerke in einer Weise verroht und brutalisiert, dass ein Boden fruchtbar geworden ist, aus dem Taten wie der Mord an Regierungspräsident Lübke, das Attentat auf die Synagoge in Halle und jetzt die Morde an mindestens neun Bürgern mit Migrationshintergrund in Hanau erwachsen konnten. Damit ist auch die Frage einer Mitverantwortung jener Partei aufgeworfen, die auf demokratischem Weg in Parlamente und Gemeinderäte gewählt wird, zugleich aber immer wieder durch führende Vertreter zum „Aufstand“ gegen das „System“ mobilisiert, das sie verachtet und überwinden will. Mit dieser politischen Ausrichtung stellt sich die AfD außerhalb des Grundkonsens der Demokraten, sie verlässt den Boden unseres Grundgesetzes, das auf der unantastbaren Würde aller Menschen, nicht nur der Deutschen, und auf dem Diskriminierungsverbot beruht.

Wenn ein Freiburger Gemeinderat der AfD dem Oberbürgermeister öffentlich zuruft „Sie werden Ihre Amtszeit nicht überleben!“ – als Jurist wissend, dass die Doppeldeutigkeit dieser Aussage sich einer strafrechtlichen Behandlung entzieht –, dann sind es Aussagen wie diese, die zur Brutalisierung eines Klimas führen, in dem der politisch Andersdenkende nicht mehr Gegner im Meinungsstreit, sondern Feind ist, der mit allen Mitteln bekämpft werden darf. Dieses Klima trägt dazu bei, dass Verbrechen wie in Kassel, Halle und Hanau, die vor Jahren in Deutschland noch undenkbar erschienen, heute geschehen.
Relativierungen, ein „Ja, aber“ sind fehl am Platz. Rechtsextremismus ist die inzwischen größte Gefahr für unsere Demokratie. Um unser Gemeinwesen zu entgiften, sind alle Demokratinnen und Demokraten gefordert, von links bis konservativ: Widersprechen, wenn Verschwörungstheorien verbreitet werden. Dazwischen gehen, wenn Menschen wegen ihrer Hautfarbe, Religion, oder Herkunft mit Hass überzogen werden. Sich zusammenschließen und gemeinsam offensiv einstehen für unseren demokratischen Rechtsstaat, den besten und freiheitlichsten, den es je in Deutschland gab. Zu oft wird Hass relativiert, ignoriert oder unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit weggelächelt – aber Hass ist keine Meinung. Das „christliche Abendland“ jedenfalls steht für alles, was diejenigen, die sich besonders lauthals darauf berufen, zerstören wollen.

Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.
 
Dass Menschen in Simbabwe aufstehen und für ihre Rechte kämpfen, ist nicht neu: Viele Jahre kämpfte die Bevölkerung für die Unabhängigkeit von Großbritannien, bis sie das Ziel 1980 erreichten. Doch der erste schwarze Präsident, Robert Mugabe, regierte das Land 37 Jahre, brutal und autoritär.
Die Frauen aus Simbabwe haben verstanden, dass Jesu Aufforderung allen gilt und nehmen jeden Tag ihre Matte und gehen.

Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.

Fürbitte

Herr, du unser Gott, wir stehen fassungslos vor den Nachrichten aus Hanau und denken an die Opfer und Hinterbliebenen. Sei bei allen, die extremistische Gewalt fürchten, von ihr betroffen und bedroht sind. Spende den Leidenden Trost und gib den politisch Verantwortlichen Weisheit. Lass sie und uns nüchtern und fest handeln. Wehre aller Aufgeregtheit und Hetze. Wo wir Augen- und Ohrenzeugen sind, da lass uns sehend werden. Hilf, das Richtige zu sagen und zu tun.

Gott, unser Vater, du hast die Menschen geschaffen nach deinem Bilde. Wehre allen, die blind und in Verblendung handeln, durch Taten oder Worte Unterschiede geltend machen wollen zwischen deinen Kindern, die du doch alle mit gleicher Würde begabt hast und gleichermaßen liebst.

Gott, wir sind erschrocken über die Gewalt in unserem Land, mitten unter uns werden Menschen erschossen oder angefahren. Die Aggression und die Polarisierung machen uns sprachlos, ratlos. Nimm uns die Angst, Gott, und lass uns zu mutigen Brücken-bauern werden.

Wo dein Angesicht leuchtet, darf es keine gruppenbezogenen Ausgrenzungen und keine Gewalt geben.

Jesus Christus, unser Bruder, du bist in die Welt gekommen als ein Mensch, einfach und gering. Du siehst mit liebendem Blick und stellst dich an die Seite derer, die verachtet und gedemütigt sind.

Wehre du der Irrlehre, dass es bessere und schlechtere Menschen gibt und dem Hochmut derer, die bestimmen wollen, wem Würde zukommt und wem nicht, wo du doch allen gleichermaßen Gnade und Erlösung anbietest.

Wo dein Wort gehört wird, darf es keinen Hass geben.

Heiliger Geist, unser Tröster, du geleitest die Kirche. Wehre aller Gleichgültigkeit und Mutlosigkeit, die uns durch Unterlassung mitschuldig werden lassen an der Friedlosigkeit unserer Zeit.

Wo du regierst, darf der Zeitgeist nicht die Hoffnung auf Gottes Friedensreich unterdrücken. Amen

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